
Bei der am 8. Oktober 1895 abgehaltenen Generalversammlung wurden zum Vorstand gewählt:
Johann Sandmann als Turnwart, Johann Wilhelm als Zeugwart, Jakob Wagner als Kontrolleur, Johann Knobloch als
Sprechwart, Wilhelm Claus als Schriftwart, Adam Bläßer als Säckelwart. Laut Niederschrift im
ältesten noch vorhandenen Protokollbuch, das die Jahre 1895 bis 1920 umfasst, zählte der Verein
damals 30 aktive und 17 inaktive Mitglieder.
In der zweiten Übung am 16. Oktober 1895 wurde von den Aktiven noch Daniel Heppes als Beisitzer nominiert. Die Bezeichnungen Kontrolleur und Säckelwart, die noch bis in die Mitte der zwanziger Jahre beibehalten wurde, bedeuten heute soviel wie Vorsitzender und Kassenwart. In der erwähnten Generalversammlung wurde beschlossen, die Turnstunden von Jahr zu Jahr abwechselnd in den Sälen der Gastwirte Brand (heute Anwesen Heß), Bayer und Bunn (heute Anwesen Kehr) abzuhalten.
Die Eintragungen in die Protokollbücher zeigen, dass der Verein auch von den jeweils herrschenden politischen Zeitumständen mitgeprägt wurde. So heißt es in einem Vermerk anlässlich der Generalversammlung vom 8. Januar 1897, dass Turner, die ohne Entschuldigung die Turnstunde versäumen, zehn Pfennig Strafgeld bezahlen müssen. Die Bußgelder wurden durch den Vereinsdiener erhoben. Die Vereinsdienerstelle erhielt damals Fritz Zimmermann als "Wenigstnehmender" für das jährliche Gehalt von fünf Mark.
Gestützt auf die große Zahl aktiver Turner, entfaltete der Verein alsbald eine rege Tätigkeit. Turnfeste der näheren und weiteren Heimat wurden besucht und die einzelnen Turner kehrten oft sieggekrönt von den Wettkämpfen zurück. Auch die Geselligkeit wurde gepflegt. Man beteiligte sich am 21. März 1897 an der Kaiser-Wilhelm-Feier, welche die Freiwillige Feuerwehr Wahlheim mit Konzert und Ball arrangierte.
Am zweiten Weihnachtsfeiertag 1897 wurde im Saale Bunn eine Christbaumverlosung veranstaltet. Dabei konnten 300 Lose zu je 20 Pfennig abgesetzt werden. Ferner wurden in eigener Regie Abendunterhaltungen mit Theaterspielen durchgeführt.
Die Anschaffung einer Trommel genehmigte man 1899 mit elf gegen vier Stimmen.
Im Jahre 1901 wurde von der
Turngerätefabrik Pfeiffer in Frankenthal ein neues Patentreck (Stahlstange mit Holzbekleidung) zum Preis
von 98,95 Mark erworben. Im folgenden Jahr erhöhte man den Mitgliederbeitrag von zehn auf
20 Pfennig im Monat. Zöglinge, das waren im damaligen Sprachgebrauch die jugendlichen Turner, zahlten
statt fünf nunmehr 10 Pfennige.
Das zwölfjährige Stiftungsfest war mit einer Fahnenweihe verbunden und fand unter Beteiligung
mehrerer auswärtiger Vereine am 30. Juni 1907 in der Gastwirtschaft Brand statt. Die
Vorbereitungen zu diesem Jubiläumsfest gestalteten sich außerordentlich schwierig. Durch den
sogenannten Wirtschaftsstreit (Vergabe der Wirtschaft) trat ein großer Teil der Gründer aus dem
Verein aus. Später glätteten sich jedoch wieder die Wogen.
"Kreisbewusst" zeigte man sich am 27. März 1909. Aus Anlass des 50jährigen Bestehens
des 9. Turnkreises Mittelrhein veranstalteten die Turner einen Fackelzug und brannten ein Freudenfeuer ab.
Turnerische Übungen wurden ebenfalls vorgeführt.
Während des ersten Weltkrieges stellte der Turnverein seine Aktivitäten gänzlich ein. Die Generalversammlung vom 6. August 1914 beschloss: Da über unser Vaterland eine schwere Zeit hereingebrochen ist und daher große Anforderungen an das Rote Kreuz gestellt werden, haben wir in der heutigen Versammlung beschlossen, demselben fünfzig Mark zur Verfügung zu stellen. Acht Turner mussten im großen Völkerringen ihr Leben hingeben. Erst im Jahre 1921 konnte der Turnbetrieb wieder aufgenommen werden.
Neue Schwierigkeiten entstanden während der Inflationszeit, als dem Verein durch Schließung der
seither genutzten Wirtschaft gekündigt wurde und die Turner genötigt waren, sich nach einem anderen
Platz umzusehen. Schließlich gelang es dann auch, die Turngeräte in einer Scheune unterzubringen,
die auch zur Abhaltung der Turnstunden benutzt wurde. Da diese Zustände auf Dauer nicht bleiben konnten
und die Turnerei immer mehr zurückging, zog man den Bau einer eigenen Turnhalle in Erwägung.
Zuvor wurde das 30jährige Stiftungsfest am 14. Juni 1925 in kleinerem Rahmen mit Umzug,
Konzert und Ball gefeiert.
In einer außerordentlichen Generalversammlung am 23. März 1927 wurde endgültig die
Anschaffung einer eigenen Halle festgelegt. Von der damaligen Reichsvermögensstelle wurde eine auf dem
früheren Truppenlagerplatz in Worms-Pfiffligheim stehende Halle zum Verkauf angeboten und nach eingehender
Begutachtung erworben. Die Bauplatzfrage konnte ebenfalls bald gelöst werden. Die Witwe von Heinrich
Müller (geborene Linck) übereignete dem Verein als Geschenk ein Gelände an der
Bahnhofstraße. Große Begeisterung erfasste nun alle Turner. Viele fleißige Hände regten
sich, um die Halle herbeizuschaffen und das Werk zu vollenden. Unumstrittene Höhepunkte in der
Vereinsgeschichte waren dann die Einweihungstage am 19. und 20. Mai 1928, die mit Kommers, Turnfest
und Festball würdig umrahmt wurden. Sechzehn auswärtige Turn- und Sportvereine wirkten bei dieser
großartigen Veranstaltung mit. Nicht nur dem Turnbetrieb, sondern auch der Förderung des kulturellen
Lebens kam die neue Halle zugute. Man führte unter anderem wiederholt Theaterstücke auf, die einen
guten Anklang fanden.
Im Jahre 1929 zählte der Verein wieder 30 aktive Turner. In den folgenden Jahren wurden mit schönen Erfolgen Turnfeste in Wendelsheim, Ober-Flörsheim und Gau-Heppenheim besucht. Aufgrund der gesetzlich angeordneten Gleichschaltung in den Vereinen wurde im Dritten Reich der seitherige Name "Vorsitzender" 1933 in "Vereinsführer" umbenannt. Aus dem "Vorstand" entstand so der "Führerrat".
Das 40jährige Stiftungsfest feierte man unter Mitwirkung der benachbarten Turnvereine aus Kettenheim, Esselborn und Freimersheim in kleinerem, aber würdigem Rahmen am 19. Mai 1935. Die Vereinsleitung lag von 1923 an bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in den Händen von Heinrich Bickel. Während der Kriegsjahre mussten die Aktivitäten erneut unterbrochen werden. Wiederum kehrten viele aktive Turner aus dem Kriegsgeschehen nicht mehr heim.
Neu ins Leben gerufen wurde der Verein erst wieder am 7. Februar 1947. Der Name Turnverein war nicht
gestattet, so dass sich der Verein als "Verein für Leibesübungen" bezeichnen musste. Aufgrund einer
Anordnung der seinerseitigen französischen Militärregierung durfte kein Turnbetrieb in das Programm
aufgenommen werden. Ab 8. Juli 1950 konnte jedoch der alte und traditionelle Name "Turnverein 1895 e.V.
Wahlheim wieder übernommen werden. Dem ersten Nachkriegsvorstand gehörten an: Hans Hamann als 1.
Vorsitzender, Karl Decker als 2. Vorsitzender, Willi Bickel als Kassierer und Erich Linck als
Schriftführer. Besonders hervorzuheben ist die treue Pflichterfüllung von Kassierer Willi Bickel, der
sein Amt in ununterbrochener Folge bis 18.3.1988 ausübte. Bei der Wiedergründung zählte der
Verein 87 Mitglieder, darunter erstmals auch Frauen. Von 1950 bis 1956 lag die Vereinsführung in den
Händen von Heinrich Knobloch, von 1957 - 1967 übernahm Ludwig Schröder.
Der Turn- und
Sportbetrieb wurde intensiviert, insbesondere im Bereich der Schülerabteilungen, die sich auf zahlreichen
Veranstaltungen bewährten. Der Schwerpunkt verlagerte sich vom reinen Turnen hin zur Leichtathletik. Auch
zahlreiche kulturelle Veranstaltungen erfreuten sich großer Beliebtheit.
Weitere Vorsitzende der Nachkriegszeit waren Richard Schröder (1966), Alwin Kayser (1967 - 1970), Paul-Heinz Knobloch (1971 - 1980), Alwin Kayser (1981 - 1991). Seit 1992 leitet Paul-Heinz Knobloch die Geschicke des Vereins. Von der Gründung bis zum Kriegsausbruch 1939 standen dem Turnverein folgende Präsidenten vor: Jakob Wagner (1895 - 1897) Johann Knobloch (1898 - 1899), Johann Sandmann (1900 - 1908), Peter Wick (1909), Peter Ritzmann (1910), Johann Heinz (1911 - 1922) und Heinrich Bickel (1923 - 1937). Nach dessen Tod übernahm Heinrich Schopp kommissarisch dieses Amt.
Das 75jährige und das 80jährige Stiftungsfest feierte man am 19. Juni 1971 bzw. am 6. November 1976 in kleinerem Rahmen.
In den letzten Jahren wurde die Turnhalle innen und außen einer gründlichen Renovierung unterzogen. Sie verfügt heute über modern und zweckmäßig eingerichtete Versammlungs- und Wirtschaftsräume. Ein Weinbrunnen wurde von freiwilligen Helfern als Außenanlage um die alte Eiche erstellt (1985), so dass sich die Turnhalle als ein Schmuckstück in der Ortsgemeinde Wahlheim präsentiert. Für viele kulturelle und gesellige Veranstaltungen im gesamten Bereich des Kettenheimer Grundes dient sie heute als Austragungsort.
Auf dem sportlichen Sektor wurden herausragende Erfolge erzielt. Junge Wahlheimer Sportlerinnen und Sportler bewährten sich bei Kreis-, Bezirks- und Landesmeisterschaften und nahmen sogar mit erwähnenswerten Leistungen an Deutschen Meisterschaften teil. Mit dem Turn- und Sportverein Esselborn besteht seit dem 1. Januar 1978 eine Leichtathletikgemeinschaft, die sich gut bewährt hat. In eigener Verantwortung wird seit 1977 all jährlich landesoffen ein Ortslauf durchgeführt, der sich, das beweist die große Teilnehmerzahl auswärtiger Vereine, bei jung und alt einer großen Beliebtheit erfreut. Der Verein zählt derzeit 319 Mitglieder. In verschiedenen Gruppen werden erfolgreich Leichtathletik- und Gymnastikstunden (für jedes Alter) durchgeführt. Hierfür stehen drei Übungsleiterinnen und ein Übungsleiter zur Verfugung.
Die Feierlichkeiten zum 100jährigen Jubiläum finden in der Zeit vom 26. - 28. Mai 1995 statt. Der Staatsminister des Innern und für Sport Herr Walter Zuber hat die Schirmherrschaft für den Festkommers am 26. Mai 1995 übernommen. Die "Sportplakette des Bundespräsidenten" wurde beantragt.
Sicher ist aber auch an einem Jubiläumsfest Zeit, all denen zu danken, die sich - sei es im Vorstand oder Wirtschaftsauschuss, als Übungsleiterin/leiter, aktive Sportlerin/ler oder freiwillige Helferin/Helfer - uneigennützig in den Dienst des Turnvereins und damit einer großen Gemeinschaft stellten und in guten und schlechten Zeiten manches Opfer brachten. Gleichzeitig sollte es ein Ansporn für unsere und die zukünftige Generation sein, diese Gemeinschaft fortzuführen, sie zu pflegen und zu hegen im Sinne des alten Turnvaters Jahn:
Frisch - Fromm - Fröhlich - Frei

TURNVEREIN 1895 eV, 55234 WAHLHEIM